Begriffsklärungen

Ich möchte hier einen Dialog wiedergeben, der auf einer anderen Webseite geführt worden ist, inhaltlich aber hierher gehört. Er ist entstanden aus den Fragen eines befreundeten Theologen, Inocentiu Fron, der sich von seiner Warte her mit meiner Arbeit auseinander gesetzt hat.

Und weil seine Fragen sehr tief in die Gedankenwelt einführen, die den Ursprung für dieses Projekt hier gebildet haben, möchte ich das im Web geführte Gespräch an dieser Stelle dauerhaft niederlegen.

Weitere Kommentare (oben rechts klicken) können jederzeit gegeben werden, ich bin sogar dankbar dafür, da sich die komplexen Sachverhalte am einfachsten im Dialog erschließen.

Innocentiu Fron - Feierstunden.de    Tilmann Krumrey - Sakralbau.org

Inocentiu:
Hallo Till, Skulpturen bereichern unser Leben mit Tiefe und Räumlichkeit . . . „

Tilmann:
„Tiefe und Räumlichkeit, stimmt. Sie „machen“ Räume, wenn sie richtig positioniert sind. Das kann positiv wirken oder auch extrem belastend sein. Je nachdem, welche Intention damit vefolgt wird und was die Skulptur „in sich trägt“.

Inocentiu:
„bin nur so neugierig :-\ Sind Installationen auch Skulpturen / Trägt eine Installation auch „etwas“ in sich?“

Tilmann:
„Wenn der Satz aus der Kommunikationstheorie richtig ist: „Man kann nicht nicht kommunizieren“ und abgewandelt für Schauspieler „man kann nicht nicht wirken“, so gilt er sicher auch für Dinge im Raum (Installationen eingeschlossen).

Jedes Ding trägt eine Botschaft in sich. In der Kunst wird nur besonderer Wert auf die Botschaft gelegt. Es wird sozusagen die Botschaft, das Geheimnis, das Innere eines Gegenstandes gesteigert. Bei einem normalen Gebrauchsgegenstand wird in erster Linie Wert auf die Funktion gelegt. Die „Botschaft“ tritt erstmal in den Hintergrund, ist aber immer da.

Das sind die alten Diskussionen von „form follows function“ etc., die an der hfg ulm schon in den 50er Jahren geführt wurden. Dort ist schließlich auch die Wiege des Industriedesign.

Also, kurz und knapp: Ja, auch eine Installation trägt etwas in sich. Man spürt es, wenn man sich darauf einstimmt. Wenn man versucht die Sache mit Sprache so genau wie möglich zu beschreiben, gelingt es vielleicht sogar, dieses Innere in Worte zu fassen. Damit ist aber noch keine Aussage über die Qualität dieser Botschaft getroffen. Es ist erstmal nur eine Feststellung.“

Inocentiu:
„Danke Tilmann! Deine Antwort hat mich überzeugt. Ich war immer skeptisch gegenüber „Installationen“.

Kannst du mir sagen, ob dein Projekt „die Kathedrale“ auch als Installation konzipiert worden ist?

Ich zitiere dich: „In meiner “Kathedrale des Lebens” gibt es nur eine “Liturgie” – und diese ist nicht konfessionsgebunden. Es ist die Liturgie, d.h. das Grundmuster des Monomythos. Dementsprechend wird das neue sakrale Bauwerk geformt.“

Die Skizzen dazu sind faszinierend. Wie hat sich das Projekt konkretisiert? Was wäre, wenn ich – eine von mir neu definierte, konfessionsfreie Liturgie – in einem von dir neu konzipierten sakralen Raum durchführen würde? Wäre dies auch eine Installation?“

Tilmann:
„Lieber Inocentiu, wenn Du mich fragst, ob mein Projekt „Kathedrale“ auch als Installation konzipiert worden ist, muss ich rückfragen, was Du genau unter „Installation“ verstehst?

In der Kunst sind ja meistens irgendwelche Bauten oder Anordungen von Gegenständen damit gemeint, die sich nicht mehr so richtig der Skulptur zuordnen lassen. Meistens spielt sich das in Innenräumen ab (Rauminstallation) und im Freien spricht man dann oft von „Land Art“ o.ä.

Dazu kann ich wenig sagen, denn meine Überlegungen kommen eher aus der Architektur. Ich begreife die Skulptur als Körper. Körper sind, selbst wenn sie fragmentarisch dargestellt werden, positves Volumen. D.h. konvexe, Raum „verdrängende“ Formen.

Jedes Gebäude ist solch ein Körper. Man spricht ja auch von „Baukörper“. Diese „Raum-Volumen-Verdränger“ prägen natürlich den verbleibenden „Zwischen-Raum“, d.h. sie hinterlassen einen Eindruck, ein Gefühl, eine Stimmung, eine Emotion, wenn man sich mit seinem physischen Körper als Mensch in diesen „Zwischen-Raum“ begibt. Es findet ein Informations- und Energieaustausch statt, der unmittelbar und spontan abläuft und oft sogar unbewußt bleibt.

Bei Gebäuden (Architektur) ergibt sich noch eine weitere Komponente daraus, dass ich hineingehen kann. Sie sind auch konkave Körper. D.h. der von der Gebäudehaut begrenzte Raum bildet nach innen ein negatives Volumen, einen „Hohlraum“, eine Höhle. Es ist, als ob ich mich in das Innere eines Körpers bewege.

Was ich also mache ist, einen Hohlraum zu schaffen, der wiederum mit Körpern (Skulpturen und Menschen als Besuchern) besetzt ist. Durch die entstehende Dynamik des Informationsaustauschs kann ich unmittelbar und machtvoll mittels unserer Körperwahrnehmung kommunizieren.

Mit der von mir so genannten „Liturgie“ meine ich den Weg des Besuchers durch den Raum und die Begegnung mit den einzelnen Stationen dieser Abfolge. Vielleicht liegt hier der Grund für unser kleines Missverstehen, denn ich glaube, Du verstehst, ganz richtig im theologischen Sinn, das Abhalten eines Rituals als Liturgie.

Zu Deiner letzten Frage: Das Abhalten einer „konfessionsfreien Liturgie“ also eines konfessionsfreien Rituals in einem von mir gestalteten Raum wäre sicher eine sehr spannende Sache. Eine doppelte Liturgie gewissermaßen, ein Ritual im Raum.

Momentan existiert die „Kathedrale“ jedoch nur im Kopf als Idee und in Form von Zeichnungen und einzelnen Skulpturen. Ich möchte jedoch – in dafür geeigneten ungewöhnlichen Räumen – bereits schon jetzt meine „Liturgie des Raums“ Schritt für Schritt, kapitelweise, in Form von Ausstellungen erzählen.

Vielleicht sollten wir uns hierzu schon mal unterhalten. Mein erstes Kapitel möchte ich 2009 zur Biennale in Venedig uraufführen. Die Stadt ist ja voller mächtiger Symbole …“

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5 Responses to Begriffsklärungen

  1. Inocentiu sagt:

    OK Tilmann, deine Ausstellung als Liturgie zu definieren ist eine ungewöhnliche Idee, ein neue Metapher. Die Liturgie ist ein Ensemble von verschiedenen Ritualen, und Riten sind Bewegungen, die sich nach einem Schema wiederholen. Der Mensch braucht sie, um Cyklen zu schließen. Ansonsten würde er aus Langeweile nicht überleben. So betrachtet sind wir nicht weit auseinander. Eine Austellung ist auch ein ähnliches Prozess – hier bewegen sich Menschen in eine (vorgegebene) Richtung: Eingang/Rund-Gang/Exit, wobei Eingang und Ausgang sich zusammenschliessen. Und hier ist der „Hochzeitsring“. Der Blickwinkel ist auch vorgegeben – siehe deinen Isis-Thron, der Künstler zwingt doch den Betrachter sein Blickfeld neu zu justieren. So wie eine Ikone (Schwarze Madonna)- wer würde sie anschauen, wenn sie am Boden aufgestellt wäre?

    Nun kann ich auch nicht sagen, was ich unter Installationen verstehe: Der Chinese mit dem „Reisfeld“ vor der „documenta“ in Kassel (Land Art) oder die Video Sequenzen vom schlafenden Beckham (Rauminstallation)? Besser gefällt mir deine Definition von „konkave Körper“, „Gebäudehaut“ und “Hohlraum” in dem man sich bewegen kann – scheint mir konkreter als der Begriff Installation allein.

    Vielleicht wird das erste Kapitel deiner Kathedrale in Venedig ein CrossOver aus Objekt, Ambiente, Mensch, Akt und Gedanken-Transfer, etwas mehr als eine Kunstausstellung – eine Liturgie eben!

  2. 100menschen100koepfe sagt:

    Wunderbar formuliert, Inocentiu. Vielen Dank für diesen Beitrag! Ich bin ganz Deiner Meinung, dass der Mensch Rituale braucht, um zu überleben.

    Und die Kunst braucht er aus genau demselben Grund. Der Mensch ist ein animal symbolicon, wie Cassirer sagt. Durch den Umgang mit Symbolen, hat der Mensch erst alles entwickeln können, was wir Kultur nennen: Sprache, Religion, Kunst, Recht, Technik, Wissenschaft, Ökonomie.

    Und der Ursprung aller Symbole ist der Mythos. Dieses Wissen um den Mythos ist heute aber im Alltagsbewußtsein vergessen worden.

    Höchste Zeit, die Kunst wieder mit den Symbolen des Mythos aufzuladen, um dem Menschen die Verbindung mit dem Leben und dem eigenen Ursprung zu erhalten.

    In diesem Sinn haben wohlverstandene Religion und Kunst schon immer zusammen gewirkt.

    „Profane Kunst“ ist lange Zeit ein eher unbedeutendes Pflänzchen in der Kunstgeschichte gewesen. Und eigentlich, macht auch erst die Moderne mit der Profanisierung in der Kunst wirklich ernst.

    Es war wahrscheinlich – auch erkenntnistheoretisch – ein notweniger Schritt.

    Aber jetzt ist es höchste Zeit, die Kunst wieder aus dem musealen Raum zu befreien und mit den mythischen Ursprüngen zu verbinden.

    Sonst stirbt sie und der Mensch stirbt mit ihr.

  3. Joachim Graf sagt:

    Ich bin mir nicht sicher, ob die Gleichsetzung Ausstellung = Liturgie funktioniert. Die Liturgie ist qua Definition schließlich in allen Einzelheiten festgelegt, bei der Ausstellung überlässt man dem Betrachter den Weg zwischen Anfang und Ende. Er kann ihn völlig selbst definieren. Und das quasi-religiöse des etablierten Kunstbetriebs – das wird von modernen Künstlern ja gerade aufgebrochen und über Bord geworfen ….

  4. 100menschen100koepfe sagt:

    Ja, Joachim, im strengen Wortsinn hast Du sicher recht. Der Begriff Liturgie hat Implikationen, die in dem von mir gemeinten Sinn wohl über das Ziel hinausschießen.

    Ich wollte ausdrücken, dass ein gebauter Raum eine Richtung und Abfolge vorgibt. Sicherlich gibt es Freiheitsgrade. Man kann umkehren, zu einer vorherigen Stelle zurück oder „gegen den Strom“ laufen.

    Jeder Raum hat Grenzen (Mauern) oder Durchlässe (Fenster, Türen, Öffnungen). Das ist unvermeidbar in unserer dreidimensionalen Welt.

    Wenn ich in der dreidimensionalen Welt etwas gestalte, begegne ich unvermeidlich diesem Phänomen, dass ich irgendwo Grenzen errichte oder woanders Begrenzungen entferne.

    Die Gestalt „zwingt“ somit in eine gewisse Bewegungsrichtung. Sie „steuert“ den Benutzer eines architektonischen Körpers.

    „Gute“ Architekten oder Stadtplaner machen nichts weiter, als die Grenzen und Öffnungen dorthin zu legen, wo man sie erwartet, wo sie gewohnt sind, wie sie sich aus Arbeitsabläufen, Verkehrsströmen oder sonstigen sogenannten menschlichen Verhaltensweisen ergeben.

    Das erzeugt eine „Illusion“ von Freiheit, weil dort Öffnungen sind, wo ich welche erwarte. Die Grenzen „verschwinden“ dadurch aus der Wahrnehmung.

    Ich hätte also gern ein „besseres“ Wort als Liturgie gefunden, um zu beschreiben, wie Raum Abläufe und Verhaltensweisen definiert.

    Vielleicht war mein Beispiel aus der Pilgerkirche mit dem Umgang um die Reliquie auch nicht mehr zeitgemäß.

    Nehmen wir ein anderes. Jeder kennt Supermärkte. Am Eingang sind meist irgendwelche Schranken oder Schiebetüren, die sich nur in einer „Stromrichtung“ öffnen.

    Einmal hindurch, muss man durch den ganzen Verkaufsraum, um an der Kasse vorbei wieder ins Freie zu gelangen. Hat man etwas vergessen, wäre der natürliche Impuls, sofort umzukehren und über den kürzeren Weg wieder hinaus zu gelangen. Das wird aber aus nachvollziebaren Gründen durch die Architektur verhindert. Oft ärgert man sich darüber, man spürt den Zwang!

    Läuft alles „normal“ macht man die „gewohnte Runde“ durch den Laden, den man durch die Kassenterminals wieder verlässt. Hier ist der Zwang soweit in die unterbewußt ablaufende Gewohnheit übergegangen, dass dieses „Einkaufs-Ritual“ von vielen als völlig natürlich empfunden wird.

    Zusammengefaßt möchte ich sagen, Räume definieren Abläufe, die entweder als Zwang oder als Freiheit empfunden werden können. Das ist unvermeidlich, weil es in der Natur der Sache liegt.

    In welche Richtung dieses Empfinden ausschlägt, hängt von anthropologischen, kulturellen und individuellen Rahmenfaktoren ab. Die physikalische Natur von Räumen kann nicht über Bord geworfen werden, denn egal wie ich gestalte, immer, befinde ich mich in einer dreidimensionalen Welt.

    Zum Abschluss noch ein Beispiel für „ungeplante Stadtplanung“, bei der anthropologische Faktoren – Wahl des kürzesten Wegs – zu einer „neuen Gestaltung“ geführt haben (Trampelpfad durch die geometrisch geplanten Grünanlagen).

  5. Inocentiu sagt:

    Hallo Tilmann,
    Ich weiß immer noch nicht, warum Menschen Angst vor Wörtern haben. „Liturgie“ ist für mich kein archaisches Wort. Man kann doch ein Fußballspiel auch als Liturgie definieren: es gibt dabei die Götter (die Fußballspieler), das betende Volk (die Fans), den Priester mit seinen 2 Diakonen (Schiedsrichter) und die Kathedrale (die Stadien – Architekten gestalten diese immer mehr der Kathedrale ähnlich). „Liturgie“ ist aktueller denn je.
    Im Musikbereich / Konzerte etc. ist der Begriff „Dome“ sehr beliebt.

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