Erste Ansichten und ernste Absichten

So, damit hier Ernst gemacht wird, gleich ein paar Arbeitsphotos aus meinem Atelier. Momentan arbeite ich an den großen Portalfiguren, die beide erst zur Hälfte fertig gestellt sind.

Allerdings, als Kleinbronze, existiert bereits eine Portalfigur und die zweite wird gerade angefertigt.

Diese beiden Figuren stehen rechts und links des Portikus. Sie bezeichnen damit die Schwelle, den Übergang. Die Pforte in jene andere Welt, die Welt jenseits der Pforte.

Um den Raum zu betreten, muss man an diesen Figuren vorbei, was den schmerzvollen Weg durch die Krise hindurch bedeutet. Jede dieser beiden Figuren formuliert eine andere Art, mit diesem Schmerz umzugehen.

Beide Figuren symbolisieren die Schwelle, den Übergang, wie auch den Weg, die Reise und die innere Entwicklung.

Ich nenne beide Figuren Kämpfer (I + II), da sie etwas tragen, aushalten, durchkämpfen oder auch bekämpfen.

Kämpfer I - Stille, Tilmann Krumrey Kämpfer I - Stille, Tilmann Krumrey Kämpfer I - Stille, Tilmann Krumrey Kämpfer I - Stille, Tilmann Krumrey

Hier die links stehende Figur, wenn man sich vor dem Portal befindet.

Sie heißt „STILLE“ und bezeichnet das stille Horchen nach Innen. Das Suchen einer
Er-lösung im Inneren, in der Er-fahrung und im Zulassen und durch die Erkenntnis aus eigener Intuition, Eingebung oder Einsicht.

Deswegen sind auch die äußeren Sinne ausgeschaltet: Mund geschlossen, Ohren bedeckt, Augen zu. Die Füße sind bewegungslos in den Klemmblöcken eingeschlossen, unmöglich einen Schritt zu tun. Die Arme als Symbol der Befreiung durch äußere, physisch materielle Handlung, fehlen. Daher ein Torso. Der Mensch ist in dieser Situation, ganz auf sein Inneres angewiesen. Das hat diese Figur erkannt und sich in die Stille versenkt.
Kämpfer II - Wut, Tilmann Krumrey Kämpfer II - Wut, Tilmann Krumrey Kämpder II - Wut, Tilmann Krumrey Kämpfer II - Wut, Tilmann Krumrey

Nun die rechts stehende Figur. Sie heißt „OHNMACHT“ und drückt auch dieses aus. Sie ist der andere Pol zur Stille. Eine Phase, die in jeder Krise irgendwann auftritt. Die Figur ist genauso an den Füßen gefesselt wie ihr Gegenüber. Auch hier fehlen die Arme zur physischen Befreiung, allerdings verschwendet diese Figur ihre Energie auf destruktive Art. Sie zeigt Verzweiflung und ungezügelte Wut, Anklage, Vorwurf, Heulen, Schreien, Selbstmitleid und Ohnmacht. Alles symbolisiert durch die geballten Fäuste und den schreienden Mund, den verzweifelt-vorwurftsvollen Blick nach oben, zu einem Schöpfer der angeblich nicht hilft. Durch das Weglassen der Arme und der Schultern wird das emporgerichtete Moment und die zusammengeballte Kraft in den Fäusten noch stärker ausgedrückt.

Einige technische Anmerkungen: Ich arbeite gerade am Gipsmodell, das ich für den Bronzeguss anfertigen muss. Da ich für diese Figur eine höhere Genauigkeit und Präzision in den Details wünsche, habe ich die Figur, die ich ursprünglich erst genauso in Wachs modelliert habe wie Kämpfer I, abgeformt und in Gips gegossen. Das ursprüngliche Wachsmodell wurde dabei zerstört. Auf dieser Basis habe ich begonnen weiter in Gips zu arbeiten, da das verwendete Wachs (hoher Kolophoniumanteil, zwecks besserer Knetbarkeit) Fäden zieht und damit der Detailliertheit (z.B. an den Zähnen im Mund oder an den Fäusten) enge Grenzen setzt.

Die Gipsarbeit erfolgt mit verschiedenen Werkzeugen aus dem Dentalbedarf (Küretten, Schaber und Spatel), da diese in ihrer Feinheit und Schärfe unübertroffen sind. Ansonsten bin ich kreativ, was den Werkzeugeinsatz angeht. Ein Metallbohrer, um Hohlkehlen zu kratzen oder ein altes Küchenmesser mit Zahnschliff zum gröberen Abtragen. Dazwischen wird immer wieder mit Sandpapier geschliffen, das man sich am besten im Malerfachbetrieb besorgt, da die in Baumärkten erhältliche Qualität sehr schnell abnutzt und auch sofort die Körnung zusetzt.

Gipswerkzeuge - Dentalwerkzeuge Größenverhältnis, Gipswerkzeug, Pinsel

Das erste Bild zeigt das Modell und die eingesetzten Werkzeuge, das zweite Bild mit den Pinseln (die ich zum Antragen von flüssigem Gips verwende) zeigt die Größenrelation dieser Arbeit.

Um die Arbeit zu fixieren, muss ich das Werkstück oft gegen die Brust drücken. Insgesamt eine eher schmutzige Angelegenheit, wie man hier sehen kann.

PS: Meine Frau sagt, ich solle besser das vorletzte der Bilder nicht zeigen, ich sähe aus, wie im Gefängnis – aber immerhin mit Heiligenschein 😉

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