Der Gekreuzigte …

… ist eine Figur, die schon vor 17 Jahren entstanden ist. Sie ist 2,70 m hoch und aus Eichenholz, das ich mit Salzlauge silbrig patiniert habe.

Die Skulptur war einige Zeit in München ausgestellt und ist während der letzten Jahre in einer Münchner Privatsammlung der Öffentlichkeit verborgen gewesen.

Im Herbst diesen Jahres wird sie – im Rahmen einer großen Einzelausstellung – mit meinen weiteren Arbeiten erstmals seit langem wieder zu sehen sein.

Außerdem – und das ist eine Premiere – wird sie zum ersten Mal ihrem thematischen Antipoden gegenüberstehen, der großen Marmorskulptur „Erweckt“, an der ich über 17 Jahre lang gearbeitet habe.

Gekreuzigt - Kruzifix Gekreuzigt - Kruzifix Gekreuzigt - Kruzifix Gekreuzigt - Kruzifix

Gekreuzigt heißt die Skulptur deshalb, weil sie einen Kruzifixus ohne Kreuz darstellt. Das Kreuz ist immateriell und nicht dargestellt, weil es innwendig ist. Das Kreuz liegt in der Figur selbst verborgen: Der Mensch trägt sein Kreuz in sich selbst. Die Erlösung vom Leid kann er daher auch nur in sich selber finden.

Die Pose der Skulptur ist durch einen afrikanischen Tänzer angeregt (Koffi Kôkô), der damals Europa bereiste und in München im Innenhof der Glyptothek auftrat. Er verbindet in seinem Tanz traditionelle afrikanische Elemente mit dem europäischen Ballett.

Meine Interpretation des Kruzifixus entspricht dem Dreinagelkruzifix Typus, bei dem ein Fuß über den anderen gelegt ist und nur durch einen Nagel fixiert ist. Die beiden anderen Nägel sind durch die Hände getrieben. Daher Dreinagelkruzifix. 

Durch die übereinander gelegten Füße wird der Körper in eine gewundene Form gezwungen, die sich besonders gut dazu eignet, den leidenden oder toten Christus darzustellen. Der Körper hängt hier schwer, durchgesackt, am Kreuz und die Füße tragen nicht mehr. Bei diesem Typus stehen die Hingabe, der Tod, und das Leid im Vordergrund.

Anders der Viernagelkruzifixus, bei dem beide Füße meist parallel mit je einem Nagel versehen (also insgesamt vier Nägeln) auf einem kleinen Podest stehend einen leidfreien manchmal sogar triumphierenden Christus zeigen. Dies ist die Form des Triumphkreuzes (Triumph über den Tod, die Sünde, die Trennung von Gott), das hier aber nicht thematisiert ist.

Dieser Christus repräsentiert jeden Menschen an sich, der Leid erfährt, hungrig nach Atem, Leben und Liebe, ausgedrückt durch den verzweifelt hoch gereckten knochigen Brustkorb, die erhobenen Arme und und die griff- und haltlos hängenden Hände. Der Blick nach oben geht ins Leere, die Beine und Füße sind undifferenziert, sie scheinen den Körper kaum voranbringen zu können.

Es ist die Phase der Dunkelheit des Todes, der Auflösung, des Gebunden- und des Gekreuzigtseins, der tiefsten Krise. Dort, wo jeder Mensch, der nicht gerade als Erleuchteter oder Heiliger geboren wurde, hindurch muss.

Gekreuzigt - Lanzenstoß Gekreuzigt - Lanzenstoss

An der Stelle des Lanzenstichs in der rechten Brust, trägt diese Skulptur einen Ast, der hier genau an der richtigen Stelle sitzt.

Auch das ist ein Hinweis darauf, dass es sich um keine äußere Lanze und um keinen „Missetäter“ in der Außenwelt handelt, der zur Rechenschaft zu ziehen wäre. Vielmehr handelt es sich um einen inneren – eigenen – Stachel, den die Figur in sich trägt.

Dennoch trägt diese Figur auch bereits eine Ahnung in sich. Ausgedrückt dadurch, dass der Dreinageltypus hier im stehenden Kontrapost verwirklicht wurde. Die Beine tragen, die Haltung wirkt tänzerisch, die Figur steht. Und ist die linke Hand noch völlig kraftlos, die Finger der rechten scheinen bereits irgendetwas zu begreifen …

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6 Responses to Der Gekreuzigte …

  1. Ein wie immer äußerst lehrreicher Beitrag, vielen Dank dafür. 2,70 ist eine beeindruckende Höhe. Das würde ich gerne live erleben, denn in der Vorstellung ist das nicht so einfach. Für mich zumindest… Gibst Du mir bitte Bescheid, wann und wo die Ausstellung ist? Vielleicht schaffe ich es ja wieder mal, nach München zu kommen.

  2. 100menschen100koepfe sagt:

    Selbstverständlich lade ich Dich ein. Sehr gerne sogar. Die Ausstellung soll über eine Dauer von 6 Wochen laufen. So sollte genug Zeit sein, einen kleinen Münchenbesuch zu arrangieren. Sobald das Datum fixiert ist, werde ich es hier bekannt geben.

  3. Pingback: MONOMYTHOS – ein Gesamtkunstwerk « TILMANN KRUMREY . M O N O M Y T H . 1 WORLD 1 STORY

  4. sokrates64 sagt:

    In meiner Bescheidenheit empfinde ich in deiner Abstraktion des Leides, wenn ich mich so ausdrücken darf, eine Genialität, die ich heutzutage leider Gottes vermisse. Du hast den Genius einer talentierten und schöpferischen Vielfalt, die mich beeindruckt. Deine gestalterischen Werke, so empfinde ich es, von Leid sind in ihrer Vollendung eine perfekte und widersprüchliche Aussage.

  5. sokrates64 sagt:

    Hat dies auf GreyMohawk rebloggt und kommentierte:
    Die Figur des Gekreuzigten hat auch heute noch eine Berechtigung.

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